Freiheit in Abhängigkeit – Eine Utopie neuer solidarischer Beziehungen

von Anne Steckner

2025

Produktivkraft und technologische Ent­wicklung könnten ein Segen für die Men­schen sein. „Könnten“ – so sie dem Ziel dienten, die Zeit für not­wendige Ar­beiten zu redu­zieren und damit mehr Zeit für soziale Be­ziehungen wie fa­miliäre Bin­dungen frei würde.

Stattdessen führt die Profitlogik des Kapitals zu längeren Arbeits­zeiten. Und selbst eine reduzierte Erwerbs­arbeit – Stich­wort „kurze Vollzeit“ von 35, 32 oder 28 Wochen­stunden – er­fordert immer noch eine prä­zise Taktung des All­tags, sobald Kinder, Kranke oder Pflege­bedürftige zu ver­sorgen sind. Das wissen alle, die sich in­tensiv um andere Men­schen kümmern. Sorge­beziehungen zu Kindern be­deuten Auf­merk­samkeit, Prä­senz und Ver­bindlich­keit, die schwer neben­bei zu leisten ist, weil es um sehr grund­legende Ab­hängig­keiten geht. Es exi­stiert eine grund­sätzliche Un­verein­barkeit. Säug­linge und Klein­kinder sind hemmungs­los, un­ersätt­lich, maß­los. Sie werden krank, manchmal sind sie oft krank. Sie sind ein ver­lässliches Boll­werk gegen den durch­gestylten Termin­kalender. Auch ältere Kin­der können Auf­merk­samkeit, Liebes­reserven, Nerven­kostüm und Geld­beutel kreativ be­anspruchen. Erwerbs­arbeit be­deutet indes oft Kon­kurrenz und Unter­ordnung, sie ver­langt fremd­bestimmte Ver­füg­bar­keit, durch­gehende Leistungs­kurve und nicht selten die Bereit­schaft zu Über­stunden.

Aufeinander angewiesen, von­einander ab­hängig, mit­einander frei

Ein Plädoyer für mehr Zeit für Sorge für sich selbst und Andere steht unter dem Ver­dacht, tradi­tionellen Rollen­bildern Vor­schub zu leisten und Mütter als primär Zu­ständige zu adressieren. Jedoch sind hier erstens – anders als bei den kon­servativen „Mütter­rechtlerinnen“ – alle Ge­schlechter an­ge­sprochen. Zweitens steht die Ent­faltung von solidarischen Be­iehungen im Zentrum – anders als bei den De­batten um Verein­bar­keit, bei der einzelne auf­gefordert werden, Strate­gien zu ent­wickeln, die im Ka­pitalismus ge­trennten Be­reiche im All­tag zusammen­zu­bringen. Und drittens geht es darum, einer alten Ein­sicht neue An­erkennung zu ver­schaffen: Wir sind im Leben auf­einander an­ge­wiesen, von­einander ab­hängig und nur mit­einander frei. Das gilt für alle Menschen, in Familien wird das jedoch be­sonders sicht­bar. Diese Ab­hängig­keit nimmt im Er­wachsenen­leben zwar ab, ist je­doch nie zu Ende. Viel­mehr ist die so genannte Selbst­ständig­keit „eine fragile Zwischen­stufe im mensch­lichen Leben“ (Praetorius 2009), bevor im Alter die Ab­hängig­keit von anderen er­neut zunimmt.

Wie können wir Gesellschaft so ein­richten, dass Auto­nomie als „selbst­bestimmte Ab­hängig­keit“ (Adamczak 2017) lebbar ist? Wie schöpfen wir Frei­heit aus Be­dürftigkeit? Und wie gehen wir mit als un­erträglich em­pfundenen For­men von Ab­hängigkeit um, gerade in Fa­milien? Das (schein­bare) Para­dox: Größt­mögliche indi­viduelle Ent­faltung braucht kollektiv ge­staltete Rahmen­bedingungen, die indi­viduell oder klein­familiär nicht her­zu­stellen sind. Und die per­sönliche „Frei­heit zur Bin­dung“ (ebd.) braucht Un­abhängig­keit von ver­meint­lich natür­lichen Bin­dungen. Was heißt das konkret?

Familie als Ort selbstbestimmter Abhängigkeit neu erfinden

Eine feministische Perspektive auf Familie als das Spannungs­feld par excellence zwischen Auto­nomie und Ab­hängigkeit müsste beispiels­weise fol­gende Felder neu aus­buch­stabieren:

Arbeitsteilung

Es geht um mehr als die Frage, ob eine berufliche 40-Stunden-Woche mit aus­reichend Zeit für Kinder, Be­ziehung, Freund*innen und Ver­wandte ver­einbar ist. Sie ist es nicht. Pro­duktion und Re­pro­duk­tion sind aufs Engste mit­ein­ander ver­bunden. An­statt in ge­trennten Sphären zu denken und Familie um die Erwerbs­arbeit herum zu orga­nisieren, gilt es, die für­sorgenden, Leben produ­zierenden und er­halten­den Arbeiten als Grund­lage aller produk­tiven und krea­tiven Tätig­keit einer Gesell­schaft zu be­greifen. Erwerbs- und Re­produktions­arbeit können inner­halb der kapita­listischen Öko­nomie nicht be­friedigend ver­einbart werden, weil der Ka­pitalis­mus auf diese Trennung an­gewiesen ist. Viel­mehr müssen beide Be­reiche so ver­ändert werden, dass sie nicht mehr je unter­schiedlichen Logi­ken folgen.

Absicherung

Familienarrangements und andere „Ver­antwortungs­partner­schaften“ (Schrupp 2019) lassen sich stärken, wenn sie auf der Grund­lage einer ge­sell­schaft­lichen Ab­sicherung der Individuen in allen Lebens­lagen stehen. Das setzt voraus, dass jede Person eine um­fängliche Existenz­sicherung er­hält. Sonst lauert – wie bei der Be­darfs­ge­mein­schaft – die Gefahr der Pri­vati­sierung so­zialer Ab­sicherung zu­lasten von Frauen und von Familien mit weniger Ein­kommen. Aus Familien­verhältnissen ab­geleitete An­sprüche oder Hoff­nungen auf Ab­sicherung zementieren die öko­nomische Ab­hängigkeit von Partner*innen, Eltern oder Kindern und fördern tra­di­tionelle Rollen­aufteilungen. Es bedarf beispiels­weise eines soli­darischen Renten­systems, einer Kinder­grund­sicherung, eines vom bisherigen Ein­kommen un­abhängigen Eltern­gehalts.

Kollektive Reproduktions­arbeit

Es braucht die Möglichkeit flächendeckender beitrags­freier Ganz­tages­betreuung und ein­kommens­unabhängiger Ver­sorgung von Pflege­bedürftigen. Und es braucht mehr Zeit, um sich im öffent­lichen Dis­kurs zu be­teiligen, ihn mit­zu­gestalten und um sich ein­bringen zu können.

Es braucht kommunale Orte, an denen die Haus- und Reproduktions­arbeit gemeinsam statt­finden kann: ur­bane Gärten, Kinder­häuser, in denen Er­wachsene höchstens ab­sichernd an­wesend sind, Vorlese­nach­mittage mit rüstigen Wahl­groß­eltern, Care-Stationen, wo Familien bei der Pflege alter oder kranker An­gehöriger unter­stützt werden, Schutz­räume für Menschen mit Gewalt­erfahrung, Konflikt­ambulanzen und eine Kommu­nalisierung des Essens jen­seits teurer Res­tau­rants, in die Kinder keinen Zu­tritt haben.

Vieles davon gibt es bereits – in vereinzelten, pre­kären An­sätzen oder als teure Dienst­leistung für die­jenigen, die es be­zahlen können. Hier müssen kollektive Struk­turen für alle ge­schaffen werden.

Bildet Familienbanden!

Die gute Nachricht: Die Kleinfamilie als dominante Form des Zusammen­lebens ist nichts Natürliches. Sie ist das ge­schichtliche Produkt von kapita­listischer In­dus­tria­lisierung und bürger­licher Moderne. Das heißt: Es gibt Alter­nativen. Aller­dings müssen wir sie aus ihrer historischen Ver­schmelzung mit der Klein­familie lösen und in die Ver­antwortung viel­fältiger Bindungen und Ge­schlechter legen. Ob­schon Patch­work- oder Regen­bogen­familien eine weit ver­breitete soziale Realität sind, bedeuten sie für viele Eltern Ver­antwortung ohne Rechte. Wird beispiels­weise ein Kind in eine lesbische Ehe hinein­geboren, gilt nur die ge­bärende Frau als Mutter. Ihre Part­nerin muss sich den staatlichen Prüfungen für eine Adoption unter­ziehen. Und wer von vorn­herein nicht an die Klein­familie glaubt oder sich durch Lebens­umstände familiär er­weitert, hat das Nach­sehen. Warum können Kinder maximal zwei Per­sonen als recht­liche Eltern haben? In dem Roman „Frau am Ab­grund der Zeit“ von Marge Piercy (2010), Autorin fe­ministischer Social Fiction, hat jedes Kind von Geburt an drei „Mütter“ – wobei Mutter­sein eine Auf­gabe und Ver­antwortung be­zeichnet, kein Geschlecht. Die Menschen dieser Gesell­schaft sind sich be­wusst, dass es vielleicht nicht ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind auf­zuziehen, aber eben mehr als zwei Per­sonen. Ob Kinder geliebt und gut versorgt werden, de­finiert sich nicht über die leib­liche Eltern­schaft.

Will man dem dominanten Modell Kleinfamilie Vater-Mutter-Kind attraktive Alter­nativen an die Seite stellen, gälte es, die Ehe für Alle um Wahl­familien zu erweitern. Eine Gemein­schaft, die auf wechsel­seitiger Ver­bindlich­keit beruht kann vieles sein: etwa zwei Schwestern, die im selben Haus wohnen und für­einander sorgen. Oder ein Mann zeugt mit einem lesbischen Paar ein Kind und alle drei wollen recht­liche Eltern sein.

Welche Verbindlichkeiten im Einzelnen eingegangen werden, wäre ver­traglich zu regeln, auch Besuchs- und Auskunfts­rechte im Krank­heits­fall, Adoption, Sorge­recht, Unter­halts­anspruch, Erbe. Kinder­rechte müssten ver­bindlich aus­buch­stabiert werden. Klingt kompliziert? Sicher­lich sind eine erprobte Konflikt­kultur und gute Ab­sprachen hilfreich, wenn mehrere Menschen sich an­einander­binden. Doch das gilt für jede tiefere Be­ziehung – und ist ohne­hin all­tägliche An­forderung an viele Familien.

Das muss keine Utopie bleiben, wenn die sozialen, öko­nomischen und recht­lichen Voraus­setzungen dafür vor­handen sind. Und wenn viele sich trauen, tra­dierte und schein­bar selbst­verständliche Formen des Mit­einanders zu hinter­fragen und neue Be­ziehungs­modelle leben.

Literatur:
Adamak, Bini (2017): Beziehungsweise Revolution, Berlin: Suhrkamp.

Piercy, Piercy (2010, 3. Auflage): Frau am Abgrund der Zeit. Hamburg: Argument-Verlag.

Praetorius, Ina (2009): “Die menschliche Abhängigkeit organisieren”. In: Beziehungsweise Weiterdenken, Forum für Philosophie und Politik. http://www.bzw-weiterdenken.de/2009/03/die-menschliche-abhangigkeit-organisieren/

Schrupp, Antje (2019): Nur ein Baustein, nicht die Lösung: das Bedingungslose Grundein-kommen und die Care-Krise. In: KAB, Diözesanverband Köln (Hg.): Zur Freiheit berufen. Christen für ein Grundeinkommen. Bonifatius Verlag. https://www.antjeschrupp.de/nur-ein-baustein-nicht-die-loesung

Zitationsvorschlag:
Steckner, Anne 2025: Freiheit in Abhängigkeit – Eine Utopie neuer solidarischer Beziehungen. In: tifs-Einwürfe. Tübinger Institut für gender- und diversitätsbewusste Sozialforschung und Praxis e.V. Verfügbar unter: https://www.tifs.de/tifs-einwuerfe/freiheit-in-abhaengigkeit-eine-utopie-neuer-solidarischer-beziehungen [Abgerufen am Datum].