Tradwives, Livecoaches, Fitnessinfluencerinnen und Gymbros – Rollenstereotype in den sozialen Medien
von Jessica Wagner2025
Tradwives, Livecoaches, Fitnessinfluencerinnen und Gymbros – Rollenstereotype in den sozialen Medien
Welche Rolle spielen soziale Medien in Hinblick auf das Thema Vereinbarkeit und die Entwicklung von Weiblichkeits- und Männlichkeitsbildern? Soziale Medien sind vergeschlechtlicht strukturiert. Sie rekurrieren auf Stereotype, die nach wie vor stark die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und damit auch das Thema Vereinbarkeit prägen. Und sie tragen wiederum zu einer Verfestigung von Stereotypen bei. Die Analyse der Selbstinszenierungen von Content-Creator*innen (Ersteller*innen) in den sozialen Medien verdeutlicht ausgeprägte Tendenzen zur Stereotypisierung.
Die Bedeutung sozialer Medien
Soziale Medien (engl.: social media) sind Plattformen, die es Nutzer*innen ermöglichen, eigene und fremde Informationen zu teilen, zu bearbeiten und miteinander zu interagieren (vgl. Götz & Prommer 2020: 3ff). Soziale Medien sowie die voranschreitende Digitalisierung können nicht getrennt von der „analogen“ Welt verstanden werden. Soziale Medien und ihre Nutzer*innen stehen in einem wechselseitigen Verhältnis und die Übergänge von offline und online sind fließend (vgl. Hepp 2021). Daher ist es wichtig, den Blick darauf zu lenken, wie Geschlecht und Geschlechterrollen in den sozialen Medien verhandelt werden und welche Rolle dabei Care-Praktiken spielen.
Exemplarisch werden in diesem Artikel die Plattformen TikTok und Instagram beleuchtet. Auf diese laden sowohl Privatpersonen als auch professionelle Content-Creator*innen bzw. Influencer*innen Inhalte in Form von Videos und Fotos hoch. Jeder*r kann Accounts abonnieren (engl.: follow) und die dort hochgeladenen Inhalte anschauen.
Neben Videos und Fotos, die als permanenter Inhalt verfügbar sind, ermöglicht die Story-Funktion auf Instagram den täglichen Upload (dt: Hochladen) von Einblicken in den eigenen Tagesablauf, indem sich Personen beispielsweise bei alltäglichen Dingen wie dem Wäsche waschen oder Kochen filmen.
Diese suggerierte Unmittelbarkeit zwischen Nutzer*innen und Content-Creator*innen ist spezifisch für soziale Medien. Die interaktiven Möglichkeiten der Plattform sowie der Eindruck, den Tagesablauf der Influencer*innen zeitsynchron und „hautnah“ mitzuerleben, verstärkt das Gefühl, eine enge Beziehung zur Creator*in zu haben und diese „ganz privat“ zu kennen.
Für Content-Creator*innen stellen Instagram und TikTok oft die Haupteinnahmequelle dar. Dies funktioniert unter anderem über Werbepartnerschaften. Maßgeblich dafür ist die Reichweite des Accounts. Dies bedeutet, dass profitorientierte Influencer*innen ihre Inhalte so gestalten müssen, dass sie besonders viele Menschen erreichen. In Bezug auf Geschlecht sind dies in der Regel Inhalte, die sozial erwünschte und somit geschlechterkonforme Rollenbilder untermauern.
Rollenstereotype in den sozialen Medien
Die Analyse der Selbstinszenierungen von Creator*innen in den sozialen Medien verdeutlicht ausgeprägte Tendenzen zur Stereotypisierung. Die Mehrheit der männlichen Influencer präsentiert sich als dominant und unabhängig, während Frauen sich oftmals in ihren Themen auf Aussehen, Schönheit und private Aspekte beschränken. Männer treten in öffentlichen Räumen in Erscheinung, während Frauen eher im häuslichen Umfeld auftreten (vgl. Götz & Prommer 2020: 38-42). Daneben gibt es Personen, die auf ihren Accounts mit Geschlechterstereotypen brechen oder queere Lebenswelten darstellen. Dazu zählen Creator*innen, die gesellschaftliche Rollenbilder kritisch hinterfragen oder über Diskriminierung aufklären. So können soziale Medien vielfältige Möglichkeiten für Empowerment, Austausch und Community-Building bieten. Accounts aus diesem Bereich weisen allerdings selten eine vergleichbar große Reichweite auf. Wichtig ist zu betonen, dass die geschilderten Phänomene nicht exklusiv auf Plattformen der sozialen Medien zu finden sind, sondern diese eher als Abbild der gesellschaftlich etablierten hegemonialen Geschlechterordnung (Maihofer 2015) eingeordnet werden können. Die Struktur und Funktionsweise der Plattformen verstärken die Tendenzen zur Stereotypisierung jedoch.
Bezogen auf die Inhalte, die hochgeladen werden, lassen sich einige Prototypen festmachen. An dieser Stelle sollen vier Typen, welche besonders zentral in Bezug auf Geschlecht hervortreten, näher beleuchtet werden: Die Fitnessinfluencerin, der Fitnessinfluencer (oft auch Gymbro genannt), der Lifecoach und die Tradwife (traditionelle Ehefrau).
Die Fitnessinfluencerin bietet in der Regel ein Spektrum zwischen Trainingstipps, Fitnessmode, gesunder Ernährung und einer eigenen Definition von Bodypositivity (unter Bodypositivity wird eine (mediale) Bewegung verstanden, die sich für die Akzeptanz von Körpern abseits von gesellschaftlichen Schönheitsidealen einsetzt). Dabei wird ein spezifisches optisches Bild bzw. ein spezifischer Kleidungsstil inszeniert: lange Haare, Sport-BH und Leggings, definierte und schlanke, aber nicht zu muskulöse Körperform. Die Trainingstipps beziehen sich in der Mehrzahl auf das Training des Pos. Es gibt darüber hinaus spezifische Posen, die die Fitnessinfluencerin einnimmt, um diesen größer erscheinen zu lassen. Nichtsdestotrotz betonen Fitnessinfluencerinnen gleichzeitig, wie wichtig es sei, seinen eigenen Körper zu akzeptieren und sich nicht von Schönheitsidealen unter Druck setzen zu lassen. Diese widersprüchliche Botschaft, die durch den Content gesendet wird, ist ein Spezifikum aktueller Lebenswelten junger Frauen.
Die Fitnessinfluencerin befindet sich oftmals in einer Beziehung mit einem Fitnessinfluencer. Diese Beziehung wird in Form von sogenanntem „couple content“ (dt: Inhalte, in denen die Paarbeziehung im Zentrum steht) als „perfekt“ inszeniert. Dabei fällt ins Auge, dass es in der Regel die Aufgabe der Fitnessinfluencerin ist, die gemeinsamen Mahlzeiten optisch ansprechend anzurichten oder die gemeinsame Wohnung einzurichten.
Der Fitnessinfluencer bedient ebenfalls die Themen Ernährung, Training und Motivation. Auch hier wird ein optischer Prototyp bedient, in dem vor allem ein muskulöser männlicher Oberkörper im Zentrum steht. Typische Kleidung, in der sich der Influencer zeigt, sind Tanktop und Jogginghose. Der Fitnessinfluencer bietet vor allem Einblicke in sein Training, welche oftmals mit Botschaften unterstrichen werden, die eine so genannte „Macher-Mentalität“ widerspiegeln sollen. Es wird mit Slogans wie „It´s you against you” (hierbei ist gemeint, gegen sich selbst bzw. den eigenen Schweinehund zu kämpfen) gearbeitet und damit verdeutlicht, dass die meist jungen und männlichen Follower es auch schaffen können, sportlich, privat und nicht zuletzt ökonomisch erfolgreich zu werden, wenn sie sich nur ausreichend anstrengen. Care-Arbeit verrichtet der Fitnessinfluencer vor der Kamera in der Regel nicht.
Ein weiterer männlicher Prototyp auf Instagram ist der sogenannte Lifecoach. Seine Inhalte drehen sich um Geld- und Anlageberatung, Beziehungstipps sowie generelle Lebensberatung. Seine Zielgruppe ist in den meisten Fällen männlich. Der Lifecoach inszeniert sich mit Luxusgütern wie teuren Autos oder Uhren und nimmt dies immer wieder als Aufhänger, um zu verdeutlichen, dass sein angeblich spezielles Erfolgskonzept funktioniert. Hierbei wird das Bild eines Mannes entworfen, der seiner eigenen Aussage nach von Frauen als attraktiv empfunden wird. Dabei ist deutlich, dass der Mann die Rolle des erfolgreichen, dominanten „Ernährers“ für sich beansprucht. In diesem Aspekt gibt es eine große Schnittmenge mit sogenannten Pick-up Artists. Darunter sind Accounts für angebliche Dating-Tipps zu verstehen, bei denen Männer dazu ermutigt werden, Frauen im öffentlichen Raum anzusprechen und diese auch bei Abweisung weiter zu bedrängen. Care-Arbeit findet in der Darstellung des Lifecoachs auf social media selten statt bzw. wird der (potenziellen) Partnerin zugeschrieben.
Tradwives & die Verhandlung von Care-Arbeit
Der Begriff Tradwife setzt sich aus den Begriffen „Tradition“ und „Wife“ (engl.: Ehefrau) zusammen und wird von Influencerinnen als Selbstbezeichnung sowie für die Beschreibung des Phänomens genutzt. Das Phänomen hat seinen Ursprung in den USA, verbreitet sich aber auch in Deutschland und international immer stärker.
Tradwives sind Frauen, die in den sozialen Medien ihr Leben als Hausfrau (und Mutter) präsentieren und sich dabei auf eine traditionelle Rollenverteilung in Ehe und Familie berufen. Was in Bezug auf die historische Einordnung mit traditionell gemeint ist, ist dabei unterschiedlich. Die Mehrzahl der Tradwife Influencerinnen beziehen sich auf die 1950er Jahre. Dies zeigt sich beispielsweise in ihrer Kleider- und Mobiliarauswahl. Eine weitere Strömung bedient sich in ihrer Ästhetik eher der Epoche Anfang des 20. Jahrhunderts und legt einen besonderen Wert auf die Selbstversorgung mit selbst angebauten Lebensmitteln und selbst hergestellter Kleidung.
Darüber hinaus gibt es den Prototyp der „modernen Tradwife“, die ein Luxusleben zeigt, welches sie laut eigenen Angaben durch die Ehe mit einem reichen Mann erlangt hat. Hier wird auch oft die Selbstbezeichnung „stay at home girlfriend“ (dt: Partnerin, die zu Hause bleibt) benutzt.
Gemeinsam ist den Accounts eine Abgrenzung von einer imaginierten „Gender-Ideologie“. Dies ist ein Begriff, der vor allem von konservativen und rechten Kräften genutzt wird und implizieren soll, dass es sich bei Themen der Geschlechtergerechtigkeit um eine Art Verschwörung handelt, die der Bevölkerung als Ideologie aufgezwungen werden (vgl. Kracher 2024: 27-30).
Gearbeitet wird mit der Unterscheidung zwischen vermeintlich Natürlichem und Unnatürlichem. So wird ein Gegenbild zu einer als unnatürlich empfundenen Moderne entworfen und einer „traditionellen“ Weiblichkeit eine essentialistische Ursprünglichkeit zugeschrieben. Diese vermeintliche Natürlichkeit spiegelt sich zum einen in der präsentierten Rollenverteilung wider: die Frau als Gebärende, Sorgende und im Haus Verbleibende, der Mann als Ernährer. Zum anderen wird über den Lebensstil als autonome Selbstversorgende eine vermeintliche Ursprünglichkeit zelebriert.
Über die Zubereitung von Mahlzeiten wird immer wieder in den Mittelpunkt gestellt, dass es die Aufgabe der Hausfrau sei, die Familie zu „nähren“ (nourish) und damit den Ehemann glücklich zu machen. Der Rückgriff auf verarbeitete Lebensmittel wird abgelehnt. Eine US-amerikanische Influencerin zeigt beispielsweise, wie sie die Tortillas für Tacos aus Maiskolben selbst herstellt, statt diese im Supermarkt zu erwerben. Unterstrichen wird dies durch die Verwendung manuell bedienbarer (statt elektrischer) Küchengeräte. Tradwives lehnen außerdem die Betreuung ihrer Kinder durch Kindertagesstätten etc. ab und machen dies mit dem Hashtag #kitafrei in ihrer Accountbeschreibung deutlich.
Auch die Geburt wird als Quelle alles Natürlichen angesehen. Auf einigen Accounts wird deutlich, dass die Influencerinnen Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen, Geburten in Krankenhäusern oder eine Geburt per Kaiserschnitt ablehnen und eine „natürliche“ Hausgeburt im Kreis der Familie als ursprünglichste Form der Geburt propagieren. So verstehen sich manche Frauen selbst als „Birthkeeperin“ (Geburtsbegleiterin) und wollen dabei einen in ihren Augen nicht systemgebundenen und von ursprünglichem Wissen getragenen Gegenentwurf zum Beruf der Hebamme darstellen. Dies geht einher mit der Ablehnung von Schulmedizin im Allgemeinen. So stellen sie zahlreiche Rezepte für „natürliche“ kräuterbasierte Salben, Hustensäfte etc. zur Verfügung.
In den meisten Fällen spielt Religion eine große Rolle auf dem Account der Influencerinnen. Meist als konservativ-christlich, evangelikal bzw. als Teil fundamentalistisch-religiöser Bewegungen. So wird dieser Lebensstil als Inbegriff einer „natürlichen, gottgegebenen“ Ordnung zelebriert.
Immer wieder wird auf die Schnittmenge der sogenannten Tradwives mit dem rechten bzw. rechtsextremen Spektrum hingewiesen. So soll rechtsextremen Ideologien zum einen ein „harmloses“ Image verschafft werden und zum anderen sollen durch die Identifikation mit den Influencerinnen junge Frauen politisch radikalisiert werden (vgl. Kracher 2024: 29).
Interessant ist, dass die Influencerinnen trotz der Sehnsucht nach einer vergangenen, vermeintlich ursprünglichen Epoche ihren Lebensstil ausgerechnet auf digitalen Plattformen wie TikTok und Instagram präsentieren. Sie nutzen dabei die immanenten Werbemechanismen der Plattformen und stellen ihren Followerinnen Rabattcodes für „ursprüngliche“ Mode oder pflanzenbasierte Pflegeprodukte zur Verfügung. Hier zeigen sich nicht zuletzt die offensichtlichen Brüche in der Inszenierung, die der vermittelten Ideologie aber nicht schaden.
Ausblick
Alle aufgezeigten Prototypen manifestieren Geschlechterstereotype und tragen darüber hinaus durch die Präsenz auf digitalen Plattformen zu einer Attraktivität damit verbundener Lebensentwürfe bei, was eine gender-bewusste Medienbildung umso bedeutsamer erscheinen lässt.
Mit Bezug zum Thema Care-Arbeit sticht das Phänomen der Tradwife hervor, welche eine traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau propagiert. Aus diesem Grund ist es von großer Relevanz, diesbezügliche Entwicklungen auch bzw. gerade auf Plattformen der sozialen Medien im Blick zu haben und gesellschaftlich zu bearbeiten.
Literatur:
Götz, Maya/Prommer, Elizabeth (2020): Geschlechterstereotype und Soziale Medien. Geschäftsstelle Dritter Gleichstellungsbericht der Bundesregierung; Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. https://www.genderopen.de/handle/25595/2388.
Hartmann, Tilo (2017): Parasoziale Interaktion und Beziehungen. Baden-Baden: Nomos.
Hepp, Andreas (2021): Auf dem Weg zur Digitalen Gesellschaft über die tiefgreifende Mediatisierung der sozialen Welt. Köln: Herbert von Halem.
Kracher, Veronika (2024): Tradwives statt trans Girls. In: Amadeu Antonio Stiftung (Hg.). (R)echte Männer und Frauen. Berlin: Eigenverlag, 28-34.
Maihofer, Andrea (2015): Sozialisation und Geschlecht. In: Hurrelmann, Klaus et al. (Hg.): Handbuch Sozialisationsforschung, Weinheim: Beltz, 850-870.
Zitationsvorschlag:
Wagner, Jessica 2025: Tradwives, Livecoaches, Fitnessinfluencerinnen und Gymbros – Rollenstereotype in den sozialen Medien. In: tifs-Einwürfe. Tübinger Institut für gender- und diversitätsbewusste Sozialforschung und Praxis e.V. Verfügbar unter: https://www.tifs.de/tifs-einwuerfe/rollenstereotype-in-den-sozialen-medien [Abgerufen am Datum].
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