Vielfältig, stigmatisiert und übersehen. Armut und Un-Vereinbarkeit
von Tanja Abou2025
Dass die Vereinbarkeit von unbezahlter Care-Arbeit und Erwerbstätigkeit eine massive Herausforderung ist, bedarf keiner großen Erklärung mehr. Die Bewältigung dieser Herausforderungen hängt auch davon ab, ob man von Klassismus betroffen ist oder nicht. Insbesondere materielle Armut ist ein Thema, dass ausgeklammert wird, obwohl es ein massiver Belastungsfaktor ist.
Die Kritik, dass feministische Vorkämpfer*innen den Weg geebnet haben für Karrieren auf dem Rücken von schlecht bezahlten Care-Arbeiter*innen ist ein wesentlicher Punkt, um den es hier aber nicht vorrangig gehen soll. Vielmehr soll die Lebenswelt derer in den Blick genommen werden, die es sich nicht leisten können, die an sie gestellten Anforderungen gegen Bezahlung an Andere abzugeben.
Die mangelnde Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und sorgenden Tätigkeiten ist in Deutschland besonders ausgeprägt, was Personen, die Pflege- und Betreuungsverantwortungen tragen, überproportional von der Erwerbsarbeit ausschließt und sie einem höheren Armutsrisiko aussetzt (Mogge‐Grotjahn 2012). Laut der Bertelsmann Stiftung besteht in Deutschland eine anhaltend hohe Armutsgefährdung von alleinerziehenden Familien, obwohl die Elternteile häufig erwerbstätig sind. Besonders alleinerziehende Mütter sind betroffen, da sie den Großteil der Kinderbetreuung übernehmen und oft auf Sozialleistungen angewiesen sind. Etwa 41 % der alleinerziehenden Familien gelten als einkommensarm, verglichen mit deutlich niedrigeren Raten bei Paarfamilien. Auch regionale Unterschiede werden deutlich, wobei Alleinerziehende in Westdeutschland häufiger von Sozialleistungen abhängen als im Osten (Bertelsmann Stiftung 2024).
Trotz Maßnahmen wie dem Unterhaltsvorschuss bleibt die finanzielle Situation vieler Alleinerziehender kritisch, auch wegen unregelmäßiger Unterhaltszahlungen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf könnte durch bessere Infrastruktur wie Kitaplätze und flexible Arbeitsmodelle gefördert werden. Zudem sollten Väter verstärkt in die Verantwortung für Care-Arbeit einbezogen werden. Der aktuelle Gesetzentwurf zur Kindergrundsicherung wäre ein Schritt in die richtige Richtung, allerdings bräuchte es umfassendere finanzielle Unterstützung, um die Armutsfalle für alleinerziehende Familien zu überwinden.
Dass materielle Armut nicht als Herausforderung diskutiert wird, der wir als Gesellschaft solidarisch begegnen müssen, sondern in individualisierten Schuldzuweisungen an die Betroffenen, zeigt sich am deutlichsten an der Diskussion um das Bürgergeld. Von „Totalverweigerung“ ist hier die Rede. Presse und Populist*innen übertönen sich in stigmatisierenden Zuschreibungen.
Dabei ist die Gruppe der Bürgergeldempfänger*innen äußerst vielfältig. Sie umfasst nicht nur erwerbsfähige Personen, die Leistungen beziehen, sondern auch jene Mitglieder ihrer Bedarfsgemeinschaften, die nicht erwerbsfähig sind, wie zum Beispiel Kinder sowie kranke oder arbeitsunfähige Angehörige. Am Stichtag des 1. August 2023 bezogen etwa 5,5 Millionen Menschen Bürgergeld, darunter rund 1,5 Millionen nicht erwerbsfähige Kinder unter 15 Jahren. Von den verbleibenden etwa 4 Millionen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten waren etwa 20 % in Beschäftigung. Ungefähr 40 % dieser Gruppe standen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Die restlichen rund 40 % der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten waren dem Arbeitsmarkt jedoch nicht oder nur eingeschränkt verfügbar, da sie beispielsweise in Ausbildung oder Studium waren, Kinder betreuten, vorübergehend arbeitsunfähig waren oder Angehörige pflegten. Es zeigt sich, dass die Arbeitsmarktteilnahme für bestimmte Gruppen, also junge Menschen, ältere Personen und chronisch Kranke, eingeschränkt ist, was deren finanzielle Stabilität gefährdet und sie in prekäre Lebenslagen drängt. Zudem sind viele Leistungsbezieher*innen „Working Poor“, also Aufstocker*innen, die trotz Lohnarbeit nicht von ihren Einkünften leben können.
Dass es eine wirtschaftliche und emotionale Herausforderung ist, wenn Eltern pflegebedürftig werden und in ein Pflegeheim ziehen müssen, wird als Belastungsfaktor zu wenig diskutiert. In vielen Fällen sind die Kosten für die Pflege hoch und stellen eine erhebliche zusätzliche finanzielle Last für die verbleibenden Familienmitglieder dar. Diese Situation verschärft sich für die oben schon genannte Gruppe der alleinerziehenden Mütter, die ohnehin mit begrenzten finanziellen Mitteln jonglieren. Der Druck, diese finanziellen Verpflichtungen zusätzlich zur eigenen Lebensführung zu bewältigen, kann überwältigend sein und materielle Armut weiter verstärken.
Auch wenn es möglich ist, finanzielle Unterstützung zu beantragen, muss verdeutlicht werden, dass jede Geldleistung, die zur Verfügung gestellt wird, antragsabhängig ist. Dieser Prozess, der oft komplizierte bürokratische Verfahren erfordert, kann für diejenigen, die bereits belastet sind, eine zusätzliche Hürde darstellen. Zudem müssen diese Anträge zyklisch, mit unterschiedlichen Fristen, neu gestellt werden. Dabei haben sich Bearbeitungszeiten verlängert, und oft bedarf es mehrerer Bearbeitungsschleifen, bis oft minimale Beträge bewilligt werden. Für diejenigen, die ihren Alltag zwischen Erwerbsarbeit, Pflege und Kinderbetreuung manövrieren, stellen Antragsprozesse häufig eine erhebliche zeitliche und psychische Belastung dar. Dies verstärkt die Risiken und Barrieren, denen sie gegenüberstehen, deutlich.
Diese Herausforderungen betreffen auch Auszubildende. Um ihre Ausbildung zu finanzieren, jonglieren junge Menschen ohne finanzielle Rücklagen oft mit einem Mix aus (zusätzlichen) Jobs, Bafög und anderen Leistungen, wie BAB (Bundesausbildungsbeihilfe) und Kindergeld. Diese „Puzzlefinanzierung“ ist nicht nur kompliziert, sondern zusätzlich mit erheblichem bürokratischem Aufwand verbunden. Die Antragsverfahren sind komplex und variieren je nach individueller Lebenslage. Besonders schwierig haben es Auszubildende, die noch bei ihren Eltern wohnen. Sie müssen sich nicht nur mit den allgemeinen Herausforderungen der Finanzierungsfindung auseinandersetzen, sondern auch mit den spezifischen Bedingungen für junge Erwachsene in dieser Lebenssituation. (Aus-)Bildungsentscheidungen hängen in Deutschland massiv von der sozialen Herkunft ab (Abou 2024).
Ein zentrales Thema, das im Kontext materieller Armut diskutiert werden muss, ist die Rolle finanzieller Mittel für die Verwirklichung von Lebenszielen. Finanzielle Ressourcen eröffnen in der derzeitigen Gesellschaft Wunschhorizonte, die ohne sie unvorstellbar wären. Die Beschränkung von Möglichkeiten durch finanzielle Knappheit führt zur Zementierung eines „Class Dream Gap“, einer Kluft zwischen den Träumen von Individuen und den realistisch erreichbaren Zielen, die durch ihre soziale Klasse definiert werden. Diese Lücke zeigt, wie finanzielle Einschränkungen über die materielle Dimension hinausgehen und tief in die Sphäre persönlicher Verwirklichung und sozialer Integration hineinreichen.
Die Herausforderungen, die mit Blick auf Klassismus, materielle Armut und Vereinbarkeit deutlich werden, stellen zentrale Herausforderungen für soziale Gerechtigkeit dar. Die Betrachtung dieser Problembereiche erfordert einen vielschichtigen Ansatz, der weit über reine Verwertungslogiken hinausgeht. Stattdessen sollte Vereinbarkeit als die Möglichkeit verstanden werden, ein Leben in Würde zu führen, das alle Facetten gesellschaftlichen Miteinanders berücksichtigt, einschließlich sozialer, kultureller und ökonomischer Aspekte.
Literatur:
Abou, Tanja (2024): Klassismus im Bildungssystem, Unrast, Münster.
Bertelsmann Stiftung (2024): Trotz Arbeit haben Alleinerziehende noch immer das höchste Armutsrisiko, Trotz Arbeit haben Alleinerziehende noch immer das höchste Armutsrisiko, aufgerufen am 17.10.2024.
Mogge‐Grotjahn, Hildegard (2012): Gesellschaftliche Ein‐ und Ausgrenzung – Der soziologische Diskurs Gesellschaftliche Ein‐ und Ausgrenzung. In: Huster, Ernst-Ulrich/ Boeckh, Jürgen/ Mogge-Grotjahn, Hildegard (Hrsg.): Handbuch Armut und Soziale Ausgrenzung, Springer, Wiesbaden, 45-59.
Zitationsvorschlag:
Abou, Tanja 2025: Vielfältig, stigmatisiert und übersehen. Armut und Un-Vereinbarkeit. In: tifs-Einwürfe. Tübinger Institut für gender- und diversitätsbewusste Sozialforschung und Praxis e.V. Verfügbar unter: https://www.tifs.de/tifs-einwuerfe/vielfaeltig-stigmatisiert-und-uebersehen-armut-und-un-vereinbarkeit [Abgerufen am Datum].
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