Der aktuelle Diskurs um Femi(ni)zide – zur Ankunft eines ‚travelling concept‘

Der nächste Gender-Forschungssalon findet am 5. Juli 2021 von 19-21:30 Uhr via Zoom statt.

In Deutschland taucht in letzter Zeit immer häufiger der Begriff Femizid auf, wenn es um tödliche Gewalt gegen Frauen geht. In Lateinamerika wirken die Begriffe femicidio und feminicido schon seit fast drei Jahrzehnten als starke politische Kampfbegriffe und wurden vielerorts als Strafrechtskategorien institutionalisiert. Mit der Verwendung des Begriffs im Deutschen wird teilweise versucht, an die breite Mobilisierung von Bewegungen wie #niunamenos (v.a. Argentinien) anzuknüpfen. In Deutschland erscheint die Debatte jedoch häufig verkürzt auf Gewalt in heterosexuellen Paarbeziehungen oder auch als rassistisch-kulturalisierende Erzählung („Ehrenmorde“ oder Femi(ni)zide als etwas, das nur im Globalen Süden vorkommt).

Währenddessen weist das Konzept selbst auf grundlegende Debatten hin: Wann wird überhaupt von „Femizid“ / „Feminizid“ gesprochen? Wie hilfreich ist die Anlehnung an Konzepte wie Hassverbrechen oder Genozid? Und ist es sinnvoll, ein eigenes Strafrechtsdelikt zu fordern?

Sabine Maier hat 2015 zu den Strafrechtsreformen zu Feminiziden in Mexiko geforscht und beobachtet seitdem gespannt, wie die Debatte in Deutschland langsam beginnt.

Angesichts der Corona-Krise hatten wir schon länger keinen Salon mehr veranstaltet und freuen uns nun auf den neuen Termin und die Begegnung – wenn auch nur online.

Wir bitten um Anmeldung (info(at)tifs.de) bis zum 27.06.2021 per E-Mail. Der Zugangslink wird nach Anmeldung verschickt.

Gender-Forschungssalon

Mit der Einrichtung eines zweimal im Jahr stattfindenden Gender-Forschungssalons verfolgen wir seit 2009 zum einen die Idee der regionalen Vernetzung und den Austausch mit anderen Gender- und Diversity-Forscher_innen aus Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen und an Theoriereflexion interessierten Praktiker_Innen den Transfer zwischen Theorie und Praxis. In einem lockeren offenen Rahmen kann gemeinsam an offenen noch nicht geklärten Fragen weitergedacht werden.

Inhaltlich haben wir uns mit der aktuellen Diskussion zu „Gender – Diversity – Intersektionalität“ auseinandergesetzt. Die damit verbundenen methodologischen und methodischen Aspekte für Forschung und Weiterbildung werden jeweils auf konkrete Projekte bezogen und damit in ihrer (häufig nur reduziert möglichen) Umsetzung beleuchtet. Zentral dabei ist die interdisziplinäre Perspektive.

Zur Verstetigung des Diskurses über forschungs- und theoriegeleitete Austauschrunden zur Umsetzung von Gender und Diversity in der Praxis wurden zwei dreistündige Veranstaltungen einer neuen Reihe „Lost in Translation? Herausforderungen gender- und diversity-orientierter Praxisentwicklung“ bezogen auf die Mädchen- und Jugendarbeit sowie auf die Arbeit in kommunalen Verwaltungen durchgeführt. Daran waren aktiv Teilnehmende  an der Tagung sowie an dem bereits langjährig stattfindenden Gender-Forschungssalon von tifs beteiligt, aber auch weitere Interessierte.

Themen

4. November 2019 "Identitätspolitik und (Anti-)Feminismus" Das Thema Identitätspolitik(en) treibt derzeit viele um. Der Begriff taucht in verschiedenen Zusammenhängen auf – sowohl bezogen auf Machtverhältnisse, Marginalisierung und Diskriminierung als auch auf Befreiung. Wie kann die Forderung nach Anerkennung und Rechten von Betroffenen öffentlich gemacht werden, ohne damit Gefahr zu laufen, ‚geschlossene‘ Identitäten zu reproduzieren? Was steckt hinter dem gegenwärtig so häufig formulierten Vorwurf der Identitätspolitik? Wem nutzt diese Argumentation? Worauf zielt sie? Inhaltliche Impulse erfolgen durch Dr. Gero Bauer & Rebecca Hahn, M.A. vom Zentrum für Gender- und Diversitätsforschung der Universität Tübingen und Dr.in Gerrit Kaschuba vom Forschungsinstitut tifs.

13. Mai 2019 "Partizipative Forschung" Diskussion mit Elisabeth Dongus aus der Sozialplanung Stuttgart zu ihrem partizipativen Forschungsprojekt in der Suchthilfe. Wo liegen die Besonderheiten, Mühen und Unwägbarkeiten eines solchen Forschungsansatzes, insbesondere in der Forschung mit sogenannten vulnerablen Gruppen?

19. November 2018 "Gender intersektional denken am Beispiel der Forschung zum Crystal Meth-Konsum von Frauen" Zum Abschluss des Projekts «Crystal-Meth-Konsum von Frauen», das tifs in Kooperation mit dem Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Tübingen durchgeführt hat, beschäftigt uns erneut die Frage, wie wir systematisch das Zusammenspiel von Kategorien sozialer Ungleichheit und Unterscheidung in Bezug auf Drogenkonsum herausarbeiten können und wie „Gender intersektional weitergedacht“ werden kann – zum einen in der Forschung und zum anderen in der Praxis.

3. Mai 2018  „Partizipation oder Auftragsarbeit? Herausforderungen und Schwierigkeiten in der partizipativen Forschung“ Herausforderungen und Schwierigkeiten in der partizipativen Forschung am Beispiel eines Projekts zum Thema Geburt mit Dr. Cecilia Colloseus, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Retraditionalisierung pränatal?“ am Institut für Soziologie der Universität Tübingen. Dieser Gender-Forschungssalon fand in Kooperation mit der Vortragsreihe "Partizipative Sozialforschung" der Universität Tübingen statt.

23. Oktober 2017 "Ethische Fragen der Praxisforschung mit ‚vulnerablen Gruppen‘ am Beispiel sexueller Orientierung". Ethische Herausforderungen der Praxisforschung mit Minderheitsangehörigen bzw. Menschen in belasteten Lebenslagen, also Gruppen, die Gefahr laufen, Stigmatisierungen ausgesetzt zu sein – diesmal am Beispiel von Menschen mit nicht-dominanten sexuellen Orientierungen in Anknüpfung an unsere Studie zur Jugendarbeit mit LSBTTIQ-Jugendlichen. Inhaltlicher Input von Yvonne Wolz, Diplompädagogin und Therapeutin zu dem Stuttgarter Projekt „Kultursensible sexuelle Orientierung – ‚Andrej ist anders und Selma liebt Sandra`“, das von der Türkischen Gemeinde Baden-Württemberg e. V. (TGBW) getragen wird.

24. Juli 2017 "Zusammenhängen zwischen Rechtspopulismus und Anti-Genderismus auf der Spur" Fragen und Diskussion mit Bezug zu einem Text von Nancy Fraser 2017: Für eine neue Linke oder: Das Ende des progressiven Neoliberalismus, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 2/2017, S. 71-76

30. Januar 2017: "Ethische Aspekte der Forschung mit Geflüchteten". Erfahrungen aus Projekten der (Lehr)Forschung, Praxis und Beteiligung. Inhaltliche Impulse von Prof. Dr. Verena Ketter (Hochschule Esslingen), Andreas Foitzik (Netzwerk rassismuskritische Migrationspädagogik BW), Dr. Axel Pohl (Iris) und Jutta Goltz (Martin-Bonhoeffer Häuser)

11. Juli 2016 "SalsA – Schulsozialarbeit als Antidiskriminierungsinstrument" Erfahrungen aus dem gleichnamigen Forschungsprojekt mit Susanne Dern, Bettina Müller und Regine Morys (Professorinnen an den Hochschulen in Esslingen und in Fulda)

1.2 2016 "Studie zu Angeboten der Jugendarbeit für LSBTTIQ-Jugendliche in Baden-Württemberg“.
Zwischenergebnisse und Thesen aus der quantitativen Erhebung und erste Erkenntnisse aus den vertiefenden qualitativen Interviews durch Gerrit Kaschuba und Bettina Staudenmeyer vom Forschungsinstitut tifs

11.5.2015 „Gender- und Diversity-Strategien im kommunalen Feld und in der Gleichstellungspolitik“ mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Karlsruhe Annette Niesyto

9.2.2015  „Herausforderungen einer Übersetzung von gender- und diversity-bezogenen Ansätzen in der Jugendhilfe und insbesondere der Mädchenarbeit“ mit Ulrike Sammet von der LAG Mädchenarbeit Mai 2015

11.12.2013 „Körperliche Praxen subversiv wenden - Intersektionale Einschreibungen in den Körper am Beispiel von Bauchtanz und Fußball“ mit Bettina Staudenmeyer

15.07.2013 „Geschlecht und Nation im schulischen Kontext – intersektionelle Verschränkungen und die Potentiale der kritischen Diskursanalyse“ mit Dr. Safiye Yildiz, Akademische Rätin im Bereich Sozialpädagogik der Universität Tübingen

03.12.2012 „Wozu brauchen wir (ein) Geschlecht? Gender, Diversity und die Gefahr der Reifizierung am Beispiel beruflicher Beratung“ mit  Dr. Gerrit Kaschuba (tifs)

18.06.2012 „Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Diskriminierung von Menschen mit Behinderung und mit Migrationshintergrund“ mit Claus Melter, Professor Dr. phil. an der Hochschule Esslingen

17.10.2011 „Intersektionalität und Antidiskriminierungsrecht: (wie) passt das zusammen?“ mit Susanne Dern, Professorin Dr. jur. an der Hochschule Esslingen

06.12.2010 „Feministische EU-Forschung: Gender Mainstreaming – Chancen und Grenzen“ mit Gabriele Abels, Professorin Dr. phil am Politikwissenschaftlichen Institut der Universität Tübingen

28.06.2010 „Familienplanung im Lebenslauf von Frauen (standardisierte und qualitative Befragung) und Männern (qualitative Befragung), besonders Migrantinnen aus Osteuropa und der Türkei“; mit Cornelia Helfferich, Professorin Dr. rer. soc. an der Evangelischen Hochschule Freiburg

12.11.2009 „Gender und Diversity – all inclusive?“ mit Beiträgen von Wissenschaftlerinnen des tifs